DFB-Fortbildungs-Workshop (Teil 2)

 

Einführung

Über den ersten Tag auf der Trainer-Fortbildung in Kaiserau, mit dem Gast-Dozenten Marc Meister, berichtete ich im ersten Teil. Um den beiden Schwerpunkten des Workshops und besonders den beiden großartigen Gast-Dozenten gerecht zu werden, habe ich den Erfahrungsbericht in zwei Teile geteilt. In diesem zweiten Teil werde ich vom Training unter einem echten Bundesliga-Trainer berichten, von einer tollen und anekdotenreichen Podiumsdiskussion mit Erik Meijer und Manuel Baum und ein Fazit zu diesem Lehrgang ziehen.

Samstag (Zweiter Tag)

Theorie und Praxis mit Manuel Baum

Manuel Baum an der Taktiktafel
Manuel Baum an der Taktiktafel

Obwohl es am Freitagabend hier und da noch etwas länger wurde mit den Fachgesprächen in der Kneipe, waren alle überpünktlich am nächsten Tag im Versammlungsraum. Manuel Baum, ehemals Bundesligatrainer beim FC Augsburg und aktueller Trainer der deutschen U20-Nationalmannschaft sollte uns als Gast-Dozent durch den Tag begleiten. Zunächst stellte er sich und sein Thema

„Umschalten aus der Offensive in die Defensive tief in
der gegnerischen Hälfte“

(also Gegenpressing) vor. Er gab ein paar Einblicke in die Arbeit als Trainer einer U-Nationalmannschaft und besprach mit uns, warum Gegenpressing für ihn ein so bedeutsames Thema ist. Dies untermalte er mit einigen sehr interessanten Szenen von Profimannschaften (insbesondere Szenen von Liverpool und Dortmund). Diese nutzte er dann zusammenfassend, die für ihn wichtigsten Aufgaben/Schwerpunkte beim Gegenpressing herauszustellen:

Restverteidigung – Ballnächster Spieler – Unmittelbare Spieler – Mittelbare Spieler

Restverteidigung

Betrifft in erster Linie die Abwehrreihe. Diese muss dafür sorgen, dass das Gegenpressing oder generell der mögliche Ballverlust gut abgesichert ist. Bedeutet im Detail:

  • bei einem vertikalen Pass wird nachgeschoben
  • sich dem nächsten Angreifer zugeordnet
  • zusätzlich abgesichert
Ballnächster Spieler

Der Spieler, der am nächsten an dem Ort ist, wo der Ball verloren geht. Er hat die wichtigste Aufgabe: Direkt ins Gegenpressing, in die Ballrückeroberung gehen.

Unmittelbare Spieler

Zur Untersützung des Spielers im Zweikampf werden alle möglichen Anspieloptionen für den Ballführer in Manndeckung genommen. Man nimmt ihm also die Optionen sich herauszulösen mit einem Pass und lässt ihn bestenfalls im Dribbling oder zwingt ihn zu einem schwierigen Ball in einen erneuten Zweikampf.

Mittelbare Spieler

Alle anderen Spieler, die keinen direkten Zugriff auf die Situation haben, verengen das Spielfeld und verschieben in Ballnähe.

Praxis

Nachdem diese Abläufe und Handlungsanweisungen geklärt waren, ging es hinaus aufs Feld. Auch hier waren die Trainer, die sich freiwillig gemeldet hatten (darunter auch ich) die Spieler in der Trainingseinheit. Wenn man als Trainer nicht selber noch regelmäßig mitspielt im Training, oder aber privat noch hobbymäßig mit ein paar Kumpels spielt, ist man schon leicht angespannt, wenn man selber wieder aktiv werden muss. SO war es bei mir zumindest. Besonders als ich dann mit Erik Meijer ein paar Bälle hin- und herpasste beim Aufwärmen und er nach kurzer Zeit schon hinter dem dritten Ball hersprinten musste, wurde es kribbelig.

3 Varianten in einem Feld (Aufwärmen und Hauptteil)

 

 

Aufwärmen fürs Gegenpressing
3 Varianten fürs Gegenpressing

In dem oben gezeigten Feld wurden nacheinander drei Varianten gespielt:

Variante 1

Team A lief locker durch das Feld zum Aufwärmen und Team B ließ den Ball in den eigenen Reihen laufen. Auf ein Kommando von Manuel Baum , spielte der Ballführer bei Team B einem Spieler von Team A den Ball in den Fuß und Team B ging direkt ins Gegenpressing. Quasi eine Trockenübung zum reinkommen, in der die Technik und der Ablauf gut vorbereitet werden konnten. Der Ballbesitz wechselte natürlich und jede Mannschaft konnte so gut ins Thema reinfinden.

Variante 2

Nun ging es schnell ans Eingemachte!

  • Team A spielte auf Ballhalten und konnte nach 8 Mannschaftskontakten einen Punkt erhalten.
  • Team B versuchte den Ball zu erobern und ihn dann über die ballentfernte Grundlinie zu dribbeln. T
  • Team A war dadurch gezwungen direkt ins Gegenpressing zu gehen und den Ball zurück zu erobern. Hier wurden natürlich die Spieler entsprechend ihrer Rolle in der Situation gecoached (ballnah, unmittelbar, mittelbar).
Variante 3

In der letzten Variante wurde es für die Mannschaft im Gegenpressing noch einmal schwieriger, denn die ballerobernde Mannschaft, konnte auch mit einem Pass in das gegenüberliegende Passtor einen Punkt erzielen. Die ballbesitzende Mannschaft musste sich also extrem schnell nach dem Ballverlust sortieren und den Ballführer attackieren. Diese Übung war sehr fordernd und wir waren am Ende ziemlich am pumpen.

Abschlussspiel

Was laut Manuel Baum nie fehlen darf: Das Abschlussspiel! Dieses wurde im 8 gegen 8 gestaltet und der Fokus lag hier besonders auf der Restverteidigung. Es wurde besonders das nachschieben der Innenverteidiger nach einem vertikalen Pass gecoached. Die Stimmung auf dem Feld war gut und es wurde sich mächtig ins Zeug gelegt. Am Ende ging das Spiel dann allerdings 0:0 aus. Eventuell lag es am sensationellen Gegenpressing beider Teams? 😉

Nachbereitung der Praxiseinheit und Podiumsdiskussion

Podiumsdiskussion mit Meijer und Baum
Podiumsdiskussion mit Meijer und Baum

DAS Highlight des Wochenendes für mich.  Nicht nur die Podiumsdiskussion (zu der wir jetzt gleich noch kommen), sondern auch die Nachbereitung von Manuel Baum war extrem interessant. Er vertiefte das Thema vom Gegenpressing noch weiter, indem er direkte Beispiele aus seiner Spielvorbereitung in der Bundesliga erzählte:

  • Wie kompliziert es etwa war gegen Thomas Tuchel ein Spiel vorzubereiten. Er hatte 4 mögliche Varianten, die Thomas Tuchel spielen lassen könnte und er lies dann die 5. spielen, sodass der ganze Matchplan übern Haufen geworfen war.
  • Dass man darauf achten musste, welchen Keeper man anlaufen ließ um ihn zu einem unsauberen Ball zu zwingen. Wie zum Beispiel Casteels, der wohl a) sehr weit und b) extrem platziert schießen konnte
  • Wie er Bayern schlug, durch gezielte Fehlpässe in freie Räume um dann dorthin nachzustarten und ins Gegenpressing zu gehen.

Haifischbecken Bundesliga

Dazu kam er auch ganz offen auf die Probleme zu sprechen, mit denen man als Trainer zu kämpfen hat, wenn man ins Haifischbecken Bundesliga geworfen wird. Als langjähriger Nachwuchstrainer war er es gewohnt, dass die jungen Spieler das umsetzten, was der Trainer vorgab. Bei den Profis musste er sich allerdings komplett an die ihm zur Verfügung stehende Mannschaft anpassen. Er musste es schaffen, dass die Mannschaft ein gutes Gefühl für seine Ideen entwickelte. Dass er sie begeisterte und sie mit ins Boot holte. War es in der Jugend noch ein Verhältnis von 80:20 zwischen KnowHow zu Sozialkompetenz, drehte sich das bei den Profis komplett und er war zu 80 % als Kommunikator unterwegs. Er musste lernen mit Spielern aus anderen Kulturen richtig umzugehen. Dass jeder sehr individuell behandelt werden musste und seine eigene Art der Ansprache brauchte. Dazu führte er zum Beispiel auch eine Motivstrukturanalyse bei seinen Spielern durch, um festzustellen, wem, was, wie wichtig ist. Dadurch wusste er, dass der eine Spieler sehr empfänglich für eine emotionale Ansprache war und der andere Spieler vielleicht lieber komplett in Ruhe gelassen wird.

Ein sehr interessanter Punkt, wie ich finde und etwas, das man durchaus auch selber einmal in seiner Mannschaft durchführen könnte. Ich weiß noch aus eigener Erfahrung, dass es „Früher“ oft hieß, man müsse jeden in der Mannschaft gleich behandeln. Mit dieser Methode wird man allerdings keinen Erfolg haben. Auch im Amateuerbereich sollte jeder Trainer merken, dass der eine Spieler mehr gutes Zureden braucht, als der Andere. Der braucht dafür vielleicht viel mehr eine visuelle Anleitung anhand von Videos oder Fotos. Probiert es einfach mal aus. Ich werde auf jeden Fall mal eine Analyse bei den Spielern durchführen lassen und darüber berichten.

Gefühl

Der andere Punkt den ich mir groß in meinem Notizbuch notiert habe ist „Gefühl“. Das Wort hart er gefühlt 100 Mal benutzt, um immer wieder verschiedene Aspekte zu beschreiben.

Die Spieler müssen es fühlen… sich wohlfühlen…ein Gefühl kreieren…

Finde ich extrem spannend! Um das zu kreieren nutzte er Gespräche, Videos, Ansprachen und Analysen. Er wollte, dass seine Mannschaft in der richtigen Stimmung und mit einem „guten Gefühl“ ins Spiel oder auch ins Training geht. Er meinte insbesonders bezogen aufs Spiel, dass eine gute Vorbereitung unter Woche im Training den Spielern ein gutes Gefühl gibt. Und ein gutes Gefühl führt zu guten Entscheidungen!

Fazit

Ich finde es gut, dass der DFB die regelmäßige Fortbildung als Voraussetzung für den Erhalt der Lizenz vorgibt. Wer innerhalb dieser 3 Jahresfrist an keiner Fortbildung teilgenommen hat, bei dem verfällt die Lizenz! Dessen muss man sich bewusst sein! Es war meine erste Fortbildung und ich kann eine gewisse Skepsis nicht leugnen, die ich in Bezug auf Inhalt und Durchführung gehegt hatte. Im Nachhinein musss ich aber jetzt sagen, dass ich das Wochenende wirklich spannend und sehr informativ fand. Der Preis war in Meinung Augen absolut gerechtfertigt, wenn man bedenkt, dass zwei U-Nationaltrainer (beide mit Vergangenheit in 1. und 2. Bundesliga) die Gastdozenten waren. Auch die Betreuung durch die Lehrgangsleiter vor Ort war extrem kompetent und die Unterbringung in Kaiserau ist ausgezeichnet. Für mich bleiben lediglich zwei Wehrmutstropfen:

Gruppenarbeit

Gruppenarbeiten fand ich in der Schule schon immer schlimm und es hatte für mich auch nie wirklich etwas mit „Teamwork“ zu tun. Es gab immer 1-2 Leute, die die Richtung vorgegeben haben und der Rest hat alles abgenickt, oder, wenn es besonders schlimm war, alles hinterfragt. So war es jetzt auch in Kaiserau. Ein Oberthema, 4 Unterthemen und 8 Trainer mit 8 Meinungen. Es war zäh wie Kaugummi und am Ende macht man dann doch nur Kompromisse und Niemand ist so wirklich zufrieden mit dem Ergebnis. Das Ergebnis muss man dann nicht nur präsentieren, sondern auch hinterher auf dem Platz, mit der anderen Gruppe als Spieler, anleiten. Jeder Trainer weiß, wie unwohl man sich fühlt wenn man eine Übung leitet, die man schlecht vorbereitet hat, oder, wie in diesem Fall, einfach nicht gut findet.

Wenn schon Gruppenarbeit, dann gerne ausführlich in einer Gesprächsrunde. Ich hätte es zum Beispiel super interessant gefunden, wie die anderen Trainer ihre Woche planen abhängig von den verschiedenen backrounds. Wie sieht die Trainingsarbeit unter der Woche bei einem Trainer in einem NLZ aus? Wie bei einem Trainer einer Seniorenmannschaft auf Kreisebene. Jeder hat dort mit unterschiedlichen Problemen und Anforderungen zu kämpfen. Genau diese Vielfältigkeit an Aufgabenstellungen wäre in meinen Augen die Essenz des Lehrgangs gewesen, denn in keinem anderen ist die Aufgabenstellung so breit gefächert. Warum also nicht eine sehr heterogene Gruppe zusammenstellen, schließlich hat man ja den Werdegang und die aktuelle Situation jedes Trainers bereits im Vorfeld abgefragt. Diese Gruppe erläutert sich dann gegenseitig die Problem- und Hilfestellungen zu einem bestimmten Thema (Zum Beispiel: „Vermittlung einer Spielidee“) und erhält somit hinterher ein Portfolio mit dem man extrem viele Erfahrungswerte bündelt.

Demogruppe

Es war wohl ursprünglich eine Demogruppe geplant, die die Trainingseinheiten der beiden Gastdozenten absolvieren sollte. Diese hatte dann allerdings kurzfristig abgesagt und so mussten die Lehrgangsteilnehmer selber ran. So gerne ich hin und wieder selber noch was „zocke“, so gerne hätte ich an diesem Wochenende mich einfach gerne berieseln lassen. Ich hätte lieber beobachtet und mir wichtige Dinge notiert anstatt mich darauf zu konzentrieren einigermaßen souverän und verletzungsfrei aus der Trainingseinheit hervorzugehen. Allerspätestens am Sonntag, wo wir die letzten Demoeinheiten unserer Gruppenarbeiten vorstellten, konnte 3/4 der Teilnehmer bereits kaum noch laufen, geschweige denn eine Trainingseinheit adäquat umsetzen. Somit war das meiste Coaching hinfällig und es ging nur noch darum, die Teilnehmer bei Laune zu halten. Das machte für mich diesen Teil der, in meinen Augen unnötigen, Gruppenarbeit zu einer absoluten Farce.

Es handelt sich um eine verpflichtende Fortbildung für alle Trainer mit der DFB_Elite-Jugend-Lizenz, was automatisch dazu führt, dass die Teilnehmer zum größten Teil eher Ü40 als U30 waren. Warum dann Verletzungen riskieren, indem sie selber mitmachen müssen? Es geht um die Fortbildung als Trainer, es geht darum sein Wissen zu erweitern, Kontakte zu knüpfen, sich auszutauschen. Das sollten die absoluten Kernaspekte sein und nicht, ob man noch fit genug für ein 6 gegen 6 Abschlussspiel am Sonntagvormittag ist. In dem Zusammenhang zieht für mich auch nicht das Argument „Es hilft, das Training auch nochmal aus Spielersicht zu sehen“. Nein tut es nicht…

Das haben die meisten von uns Trainern doch schon hinter uns. Meistens haben genau diese Erfahrungen als Spieler (ob nun ausgesprochen gute, oder ausgesprochen schlechte) dazu geführt, selber Trainer werden zu wollen. Für mich steht der Input im Vordergrund an einem Fortbildungswochenende! Aber bis auf diese beiden Einschränkungen, hat sich das Wochenende für mich sehr gelohnt!

 

 

 

 


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