Kurz vor dem Start der neuen Saison, würde ich gerne noch abschließend einen Blick auf die vorangeganene Saison werfen. Ein kleines Fazit der gesammelten Erfahrungen:

Die  Rückrundenvorbereitung wurde zu einer intensiven und nervenaufreibenden Zeit. Wir schlossen die Hinrunde auf einem nicht zufriedenstellenden 13. Tabellenplatz ab. Nur einen Punkt vor einem Abstiegsplatz. Unser eh schon kleiner Kader musste in der Winterpause 5 Abgänge hinnehmen, die uns aus unterschiedlichen Gründen verließen und nicht ersetzt werden konnten. Wir starteten in die Vorbereitung mit 11 Spielern, von denen 2 Torhüter waren. Zwischenzeitlich kamen Verletzungen hinzu, sodass wir zeitweise tatsächlich nur noch 7 fitte Feldspieler hatten. Unser bester Torschütze mit 13 Treffern war auch darunter. Er brach sich den Arm und fiel mehrere Monate aus. Im Training hatten wir zum Teil nur 6 Feldspieler.

Unter diesen desaströsen Voraussetzungen galt es nun die Zielsetzung Klassenerhalt anzugehen und um es vorwegzunehmen:

Wir haben es geschafft!

Mir persönlich hat diese Zeit extrem viel gelehrt und ich habe viele Dinge für mein weiteres Trainerdasein mitgenommen. Welche Punkte dazu geführt haben, dass wir aus dieser schwierigen Situation das Beste herausgeholt haben, würde ich euch gerne im Folgenden erläutern. Diese Punkte waren auch Teil der einberufenen Mannschaftssitzung zu Beginn der Rückrundenvorbereitung.

Akzeptanz

Es herrschte in der Mannschaft eine schlechte Stimmung. Als Übeltäter der Misere wurde schnell die Situation als 2. Mannschaft ausgemacht:

  • Keine Möglichkeit sich unter der Woche einzuspielen
  • immer wechselnde Spieler, die von der 1. Mannschaft dazukamen (mit sehr schwankenden Leistungen)
  • wenig Unterstützung von Vereinsseite in Bezug auf Neuzugänge

Die letzten 2 Spiele der Hinrunde hatten wir ohne Spieler der 1. Mannschaft gespielt. Ich wollte der Mannschaft das Alibi nehmen, dass es an diesen Spielern lag. Beide Spiele gingen verloren. Versuche von mir, die Situation zu ändern, indem die Spieler bereits zum Abschlusstraining dazukamen wurden vom sportlichen Leiter abgelehnt. Es würde an der aktuellen Regelung (Spieler kommen runter und müssen spielen) keine Änderung geben.

Dieses Thema beschäftigte mich sehr lange, denn ich war mit dieser Regelung nicht zufrieden. Für mich wurde dadurch das Leistungsprinzip nicht berücksichtigt, denn die Spieler, die zu uns kamen, waren natürlich nicht diejenigen, die aktuell im Training überzeugten und „gut drauf“ waren.

Der erste Schritt in die richtige Richtung war für mich diese Regelung mit all ihren Konsequenzen zu akzeptieren.

Manchmal kann man die Situation nicht ändern, in der man sich befindet, aber die art wie man mit ihr umgeht.

Die Art, wie ich dieser Situation gegenüberstand färbte auch auf meine Spieler ab. Meine unterbewusste Ablehnung, führte zu einer negativen Ausstrahlung und die Spieler merken so etwas schnell und übernehmen es. Es hieß also, seine Einstellung zu dieser unausweichlichen Situation zu ändern. Das führte automatisch zu neuen, positiven Ideen, wie wir die Probleme besser angehen und lösen könnten:

Spieltag

Empathie schärfen

Die Situation ist für beide Parteien schwierig. Die Spieler der 1. Mannschaft bekommen Freitags mitgeteilt, dass ihre Leistung im Training nicht gereicht hat um es in den Kader am Spieltag zu schaffen. Sie bekommen Treffpunkt und Uhrzeit mitgeteilt, wann wir uns zum Spiel treffen. Das war´s. Ich habe meinen Spielern diese Situation einmal deutlich gemacht, am Spieltag zu einer Mannschaft zu kommen, mit der man nicht trainiert. Neben Spielern in der Kabine zu sitzen, die man vielleicht gar nicht kennt. Zu spielen, ohne zu wissen, was genau der unbekannte Trainer sehen will, die Erwartungshaltung aller zu erfüllen, dass man als Spieler der 1. Mannschaft ja herausragend spielen muss und immer vor Augen zu haben, dass der Trainer der 1. Mannschaft sich nach der gezeigten Leistung erkundigen wird. Das alles bedeutet extrem viel Druck.

Kontakt pflegen

Ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, jeden Spieler der 1. Mannschaft, der zu uns kommt, einen Tag vor dem Spiel zu kontaktieren. Ihm schon zu sagen wo er spielen wird, was ich von ihm erwarte und dass ich mich auf seinen Einsatz freue. Dazu noch organisatorische Dinge, wie zum Beispiel welches Trikot benötigt wird, ob er ein Tape von unserem Physio braucht, oder einfach wie er sich körperlich fühlt. Das ist sehr gut angekommen und die Spieler kommen viel befreiter zum Spiel.

Einstimmung

Am Spieltag ist unsere Besprechung nun etwas ausführlicher. Ich zeige unter anderem die Tabellensituation, erläutere etwas ausführlicher das Spiel des Gegners und weise auf bestimmte Besonderheiten zu dem Spiel hin (Rivalitäten, Vorgeschichten etc.). Das dient ausschließlich dazu, die Spieler der 1. Mannschaft auf das Spiel richtig einzustimmen. Danach führe ich mich mit jedem von ihnen auf dem Platz noch einmal ein persönliches Gespräch und gehe auf ein paar Details ein, die für unser Spiel nötig sein werden. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg und bestehe darauf, dass sie versuchen sich vom Druck zu lösen und befreit aufzuspielen. Ich mache ihnen klar, dass das heute ein Spiel ist, dass sie genießen können, dass sie mit Spaß spielen können.

Die Leistungen der Spieler stiegen enorm und dadurch natürlich auch die Akzeptanz bei den Spielern der 2. Mannschaft. Sie merkten, dass wir einen Mehrwert hatten, wenn die Spieler gut spielten. Wir gewannen Spiele und die Spieler der 1. Mannschaft trugen sich in die Torschützenliste ein, oder stabilisierten uns in der Defensive. Wir hatten plötzlich eine Win-Win-Situation.

Training

Ich hatte es mir in den letzten Spielzeiten angeeignet in der Trainingswoche die Themen trainieren zu lassen, die ich als die entscheidenden für den nächsten Gegner erachtete. Ich ließ meistens sogar schon das Personal in der Formation trainieren die mir vorschwebte und hatte schon früh in der Woche meine Startelf für das nächste Spiel. Wir konnten so sehr detailliert trainieren und vor allem Pressingabläufe und unser Aufbauspiel auf den Gegner zuschneiden.

Ich habe auch in der Hinrunde lange daran festgehalten, weil ich der Meinung war, dass 3-4 Spieler, die neu dazukommen, nicht viel „kaputt“ machen können. Dabei lag ich aber völlig falsch.

Die Spieler verließen sich auf die Abläufe im Training und wenn nun ein Spieler diese Abläufe nicht kannte und etwas anderes spielte, dann war plötzlich die große Hektik angesagt. Ich schob die Schuld auf die Spieler, anstatt sie bei mir selber zu suchen. Das wurde mir erst in der Winterpause mit etwas Abstand klar.

Seit der Rückrunde trainieren wir nur noch nach Prinzipien und sehr allgemein gehalten. Es geht um generelle Dinge in unserem Spiel, die für jeden Gegner gelten. Dazu wurde der Spaßfaktor hochgefahren und mehr in Wettbewerbsformen trainiert, anstatt bestimmte Abläufe durchzuspielen.

Durch diese Grundsätzlichkeiten, war es für die Spieler, die am Wochenende dazustießen viel leichter in Spiel zu finden. Sie bekamen ein paar Aufgaben und den Rest der für die Struktur entscheidend war, erledigten die Anderen. Da es meistens Offensivspieler waren, ging es weniger um taktische Abläufe als viel mehr darum, bestimmte Räume zu öffnen oder zu besetzen. Das funktionierte extrem gut und die Spieler konnten sich mit einigen Toren auszeichnen und für „Oben“ wieder empfehlen.

Systemumstellung

Hatten wir vorher oft in einem 4-3-3 gespielt, wo es auf Timing, Positionsspiel und taktische Disziplin ankam, stellten wir ab Winter um auf eine Dreierkette und passten die Aufteilung Vorne dem Gegner an.

Offensiv

Das bedeutete zum Beispiel, dass wir gegen Mannschaften, die defensiv im 4-4-2 verteidigten mit einem 10er und zwei klaren Stürmern spielten (3-4-1-2), sodass wir unseren 10er immer zwischen der Mittelfeld- und der Abwehrreihe anspielen konnten. Dreht er auf, hat er direkt 4 Tiefe Optionen (die aufgerückten Außenverteidiger inklusive). Verteidigte der Gegner in einem 4-3-3 und nur einem klaren Sechser, spielten wir ein 3-4-3, bei dem es nur einen klaren Mittelstürmer gab und dafür zwei hängende Spitzen, die sich in den Raum neben der Solo-Sechs des Gegners fallen ließen.

Zwischen beiden Systemen konnten wir munter wechseln und es war flexibel anpassbar auf die jeweiligen Spielertypen. Wir hatten in der Offensive immer sehr viele Optionen und konnten unsere sehr schnellen, aber körperlich unterlegenen Spieler, immer wieder in Laufduelle schicken. So machten wir unseren körperlich Nachteil zu unserem Vorteil!

Defensiv

Wir bauten auf eine 3er Kette, die situationsabhängig dann zu einer 5er-Kette wurde.  Dadurch waren wir defensiv sehr flexibel. Wir konnten uns tief „verbarrikadieren“ und Durckphasen des Gegners im 5-3-2 überstehen. Oder wir schoben unsere Außenspieler höher und attackierten früh den gegnerischen Außenverteidiger schon bei der Ballannahme. Ganz davon abhängig, wo beim Gegner der Fokus lag. Wir konnten so mit kleinen Änderungen und ohne großen Aufwand dem Gegner im Aufbauspiel das Leben schwer machen.

Wir stabilisierten uns  in der Defensive und die körperlichen Defizite machten wir mit der bloßen Anzahl an Spielern im defensiven Zentrum wieder wett. Natürlich konnten wir nicht alle Situationen, besonders im direkten Zweikampf, nur durch Überzahl lösen. Aber es führte zu mehr Sicherheit der einzelnen Spieler.

Umschaltspiel

Einer der beiden großen Schwächen der Hinrunde, die Konterabsicherung, verbesserte sich schlagartig. Wir hatten nun immer drei Verteidiger und eine Doppelsechs als „Restverteidigung“. Das half uns, gegnerische Konter früh zu unterbinden, oder aber so lange aufzuhalten, bis wir defensiv nachgerückt waren.

Offensiv hatten wir durch unsere klaren Außenspieler und mindestens 2 hochpostierten Stürmer immer Optionen um früh den Ball tief zu spielen. Das führte automatisch dazu, dass der Gegner immer einen Spieler mehr defensiv „stehen lassen“ musste und wir somit leichte Überzahl in der Defensive herstellen konnten. Die Konter waren in der 2. Saisonhälfte um ein vielfaches gefährlicher und schneller gespielt.

Standards

Die andere große Schwäche war unsere Verteidigung der Standardsituationen. Gegen körperlich überlegene Mannschaften hatten wir es weiterhin schwer. Wir arbeiteten allerdings an unserer Haltung dazu. Wir teilten vor dem Spiel die Spieler in Raumverteidigung (kozentrierten sich nur auf den Ball im gefährlichen Raum) und Manndeckung (hatten die Aufgabe, den ihnen zugewiesenen Gegenspieler zu blocken/stören). Alleine die klar Aufgabenverteilung führte zu mehr Verantwortungsbewusstsein, sodass wir uns dort erheblich verbesserten.

Allgemein

Allein die Umstellung auf ein eher untypsiches System (zumindest bei uns in der Liga), führte dazu, dass der Gegner länger brauchte um sich gegen uns zurecht zu finden. Wenn du Woche für Woche gegen die gleichen Systeme spielst, dann fällt es dir schwer dich schnell auf was anderes einzustellen. Wir versuchten immer schon früh im Spiel das Tempo hochzuhalten und den Gegner einzuschnüren. Das gelang natürlich nicht immer. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass es funktionierte, war nun deutlich höher als in der Hinrunde. Meistens schon einfach auf Grund der Tatsache, dass durch unsere Grundordnung Spieler in Räumen auftauchten, wo sie es sonst nicht tun.

Fazit

Es war die bisher anstrengendste Saison für mich. Nicht mal zwingend auf Grund der zeitlichen Belastung (3x Training plus Spiel, mehr Kilometer zu den Spielen und Training). Sondern viel mehr das Zwischenmenschliche. Es war noch nie so wichtig, feine Antennen für die Bedürfnisse der Spieler zu haben. Die fussballerischen Fähigkeiten waren alle ausreichend und die konditionellen Bereiche hatten wir gut abgedeckt. Aber die „weichen Faktoren“, wie zum Beispiel Motivation, Einstellung und Selbstvertrauen, waren Dinge an denen gearbeitet werden musste.

Die sehr jungen Spieler mussten lernen mit harten Niederlagen umzugehen. Sei es mit absolut verdienten und dementsprechend hohen, oder im  Besonderen mit völlig unverdienten. Sie mussten lernen, dass Fehler und Niederlagen zu einer guten Entwicklung dazugehören. Dass man allerdings auch aktiv daran arbeiten muss aus Fehlern zu lernen. Dass einem Selbstvertrauen nicht geschenkt wird, sondern man es sich erarbeiten muss durch konstante Leistungen.

Die älteren Spieler mussten damit umgehen, plötzlich nur auf Grund des Alters, Führungsspieler zu sein. Automatisch wurden sie mit dem Anspruch konfrontiert erfahren zu sein und auf dem Platz anzuleiten. Dafür waren nicht alle gemacht. Die Hierarchie bildete sich erst langsam und es musste einige Male „knallen“ bis wir eine gute hatten.

Wir sprachen viel darüber, was jeden einzelnen motiviert, was er für persönliche Ziele hat. Ich wollte weg von den Motivationansprachen vor den Spielen. Ich wollte und erwartete, dass die Spieler motiviert zum Spiel und Training kommen; dass sie es sich selber beweisen wollten.

Am Ende waren wir da ein wirklich eingeschworener Haufen, der sich während des Trainings fetzen und nach dem Training wieder lachen konnte. Wir haben uns Ziele gesetz (einstelliger Tabellenplatz z.B.) und diese dann auch erfüllt. Gepaart mit den oben genannten Änderungen und Entwicklungsschritten war das eine herausragende Leistung auf die wir stolz sein können!

 

 

 


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